Mind-Spring ist ein
präventives
psycho-edukatives
Gruppen-
-Programm
von und für Geflüchtete und Migrant*innen.
präventiv
Die Teilnahme an einem Mind-Spring-Kurs macht Menschen stark für den Alltag. Sie lernen, mit Herausforderungen besser umzugehen.
Das hilft ihnen, stark zu werden, bevor es ihnen schlecht(er) geht.
Die Workshops sind nicht hilfreich für Menschen, die psychisch stark belastet sind. Für sie gibt es andere therapeutische und ärztliche Angebote.
Mind-Spring-Handbuch, S. 07
Prävention im transkulturellen Kontext
Das psycho-soziale Wohlbefinden von Migrant*innen und insbesondere Geflüchteten benötigt nach wie vor Unterstützung und Förderung. Denn die Chancen für ein gesundes Leben in der neuen Umgebung unterscheiden sich stark nach sozio-ökonomischem Status, aber auch Aufenthaltstitel und Migrationsgründen.
Belastend wirken Prä- und peri-migratorischen Stressoren aus erster Heimat und Flucht, aber auch die vielfältigen post-migratorische Stressoren im Alltag. Gleichzeitig verhindern Diskriminierung und andere Barrieren den Zugang zu Gesundheitsressourcen. Insbesondere die psychosoziale Versorgung von Schutzsuchenden ist laut aktuellem BAFF-Bericht nicht adäquat sichergestellt. Die Folgen dieses Missverhältnisses sind weitreichend: für körperliche und seelische Gesundheit; für Beziehungsqualität und Elternschaft; für Bildung und beruflichen Werdegang; für Teilhabe- und Integrationsperspektiven.
In dieser Lage setzt das Mind-Spring-Programm präventiv an, und damit eine Empfehlung der Leopoldina aus dem Jahr 2018 um:
“eine Hilfestruktur, die das gegenwärtige Versorgungsmodell in Deutschland ergänzt (...) niederschwellige Angebote von speziell geschulten Personen (u.a. Peer-Beraterinnen und -Berater).”
Mind-Spring-Kurse sind auf die Lebenswelt und die aktuellen Herausforderungen von Geflüchteten und Migrant*innen hin konzipiert. In neun manualisierten Workshops vermitteln Trainer*innen hilfreiches Wissen und leiten alltagstaugliche Übungen an.
Dabei nutzen sie ihre eigene Migrationserfahrung, ihre Sprachkenntnisse und transkulturellen Kompetenzen, um die Inhalte für Teilnehmende anschlussfähig zu kommunizieren: durch die gemeinsame Kurs-Sprache und die geteilten ‘idioms of distress’ / ‘idioms of resilience’. Dabei werden sie von Co-Trainer*innen unterstützt. Diese bringen als psychosoziale Fachkräfte ihre Kompetenzen, ihre Erfahrung mit Gruppen und ihre Kenntnisse des lokalen Hilfesystems mit ein.
Zentral für die präventive Funktion von Mind-Spring ist eine salutogenetische Grundhaltung: Trainer*innen gehen mit der Gruppe in jedem Workshop auf ‘Schatz-Suche’, um Ressourcen aus erster und neuer Heimat wiederzufinden - oder hier neue zu entdecken.
Das Kurskonzept folgt dem Modell einer umfassenden, integrativen Gesundheitsförderung. Dazu beschäftigen sich die Teilnehmenden mit ihrer Identität in Biografie und Gegenwart. Sie stärken ihre Selbstwirksamkeit auf kognitiven, emotionalen und körper-fokussierten Wegen. In der ->Gruppe teilen sie Erfahrungen und Erkenntnisse miteinander und erleben empowernde Solidarität in den Herausforderungen der Migration. Das Kurskonzept folgt dem WHO-Modell einer ganzheitlichen Gesundheitsförderung.
Mind-Spring ist in jedem Landkreis Teil der integrierten Versorgungsstruktur nach dem ‘Stepped-Care’-Modell (PDF). Koordinator*innen sind gut mit lokalen Akteur*innen vernetzt, Co-Trainer*innen kennen Beratungsstellen und Hilfsangebote. Dadurch ergänzt das Programm als niedrigschwellige, zielgruppenspezifische Primärprävention die Kapazitäten im Landkreis und soll helfen, die psychosoziale Versorgungslage zu verbessern.
psycho-edukatives
Im Mind-Spring-Kurs kann man lernen,
was bei Menschen „im Kopf und Herz passiert“.So verstehen die Teilnehmenden besser, warum sie in ihrem Alltag wie reagieren: was sie im Körper spüren, was sie fühlen und welche Gedanken dann kommen.
Dadurch lernen sie neue Möglichkeiten, ihr Leben gut und gesund zu gestalten.
Mind-Spring-Handbuch, S. 07
Akkulturation und Psychoedukation
Die Migration ist für viele Menschen ein bedeutendes Lebensereignis. Entsprechend tiefgreifend erleben sie die Veränderungsprozesse der Akkulturation. Es gilt, die neue Heimat zu verstehen, um sich in ihr zu verorten - und gleichzeitig hilfreich mit den inneren Veränderungen umzugehen.
Für diese Neuorientierung stärken Mind-Spring-Kurse die Teilnehmenden durch Psychoedukation. Trainer*innen vermitteln transkulturell adaptiertes Gesundheitswissen zu Körper, Gefühlen und Gedanken. Inhalte und Methoden laden zum Ausprobieren ein: von Achtsamer Body-Scan bis Zeichne deine Zukunfts-Identität gibt es in jedem Workshop Gelegenheit, psychoedukatives Wissen konkret anzuwenden und in den Alltag mitzunehmen.
Trainer*innen betreiben bei der kultursensiblen Psychoedukation zu Themen wie Trauma und Resilienz (Workshop 2) oder Sucht und Konsum (Wahl-Workshop 7a) stets auch Entstigmatisierung. Sie erklären Anzeichen für Abklärungs- oder Hilfebedarfe: im Freundeskreis, in der Familie oder bei sich selbst. Co-Trainer*innen können Teilnehmende dann bedarfsgerecht in das lokale Hilfesystem weitervermitteln.
Besonders alltagsrelevant wird die Wissensvermittlung durch Gruppenprozesse der Sinnstiftung (meaning-making). Wenn Teilnehmende über ihre Migrationserfahrungen sprechen, dann spüren sie: ich werde verstanden - und hören dazu oft verschiedene Perspektiven und Interpretationen der anderen Gruppenmitglieder. Beides hilft ihnen, die normalen Prozesse der Akkulturation mit ihren Höhen und Tiefen einzuordnen, um gestärkt aus ihnen hervorzugehen.
Gruppen-…
Das Besondere an Mind-Spring sind die Treffen als Gruppe.
Die Teilnehmenden beschäftigen sich gemeinsam mit den Themen.
Sie sehen, dass sie mit ihren Herausforderungen nicht alleine sind.
Und sie können von den anderen lernen.Mind-Spring-Handbuch, S. 07
Gruppenerfahrung als Wirkfaktor
Mind-Spring-Kurse schaffen Räume für Begegnung. Denn neben Wissensvermittlung und praktischen Übungen ist in jedem Workshop das Gruppen-Gespräch eine zentrale Methode. Die Teilnehmenden kommen - angeregt und moderiert durch die Kursleitung - in den Austausch zu den Kurs-Themen. Sie teilen ihre Erfahrungen und Geschichten, finden Gemeinsamkeiten und (respektvolle) Differenzen, suchen miteinander Ressourcen und Wege für das Leben in Deutschland.
Die geteilte Kurssprache ermöglicht der Gruppe dabei, ihre ‘idioms of distress’ / ‘idioms of resilience’ zu nutzen: kulturell geprägte Ausdrucksweisen und Verhaltensmuster zur Konzeptualisierung psycho-sozialer Gesundheit. Dieser transkulturelle Anknüpfungspunkt fördert tieferes und facettenreicheres Verständnis der Mind-Spring-Themen bei den Teilnehmenden.
In der Gruppe lernt man voneinander:
Wessen Ansichten inspirieren mich? Wer hat eine ähnliche Herausforderung schon bestanden? Wie gestalten die anderen Teilnehmenden ihren Alltag?
In der Gruppe wächst man aneinander:
bei respektvollen Gruppendiskussionen; durch die vertrauensvolle Atmosphäre, in der Emotionen Raum bekommen; und in den Begegnungen rund um die Treffen.
Die Gruppe geht miteinander:
Die Teilnehmenden bringen ihre Persönlichkeit, ihre Fähigkeiten und Ressourcen ein. Sie lachen gemeinsam über die Partikularitäten des deutschen Alltags und stärken einander für die Herausforderungen der Migration.
Eine Mind-Spring-Gruppe besteht für die Dauer des Kurses. Deshalb endet der letzte Workshop (Balance und Energie) mit einer Rückschau auf den Weg durch die Mind-Spring-Themen… und oft mit einem gemeinsamen Essen, um den Abschluss zu feiern.
…-Programm
Ein Mind-Spring Kurs besteht aus acht Workshops:
einem Einführungs-Workshop und
sechs Workshops mit fester Reihenfolge:1. Mit Stress umgehen
2. Trauma und Resilienz
3. Wie geht es dir? - Differenzierung
4. Trauer und Verlust
5. Identität
6. Mit Gedanken diskutiereneinem Wahl-Workshop aus aktuell zwei Optionen:
7a. Sucht und Konsum
oder
7b. Ich, Wir und Ehreund dem Abschluss-Workshop “Balance und Energie”.
Jeder Workshop dauert etwa 1,5 bis 2 Stunden.
Der Kurs findet an 1-2 Tagen in der Woche statt.
Die Themen bauen aufeinander auf.
Deshalb ist es wichtig für Teilnehmende, dass sie bei allen Workshops dabei sind.Alle Kurse werden von ausgebildeten Trainer*innen geleitet.
Sie haben eigene Erfahrung mit Migration und sprechen die Kurssprache.
Co-Trainer*innen unterstützen sie dabei mit Fachwissen und Kontakten.Mind-Spring-Kurse sind für Teilnehmende immer kostenfrei.
Am Ende des Kurses bekommen Teilnehmende ein offizielles Zertifikat.Mind-Spring-Handbuch, S. 07
Das Kurskonzept
Das Grundkonzept des deutschen Mind-Spring-Programms basiert auf dem niederländischen Original des Psychotherapeuten Paul Sterk (✝ 2019). Inhalte und Methoden wurden für den lokalen Kontext angepasst, das Handbuch neu geschrieben und inhaltlich erweitert. Mehr zur Geschichte hier.
Die Themen der Workshops sind verschieden, der Ablauf folgt einer hilfreichen (und manualisierten) Struktur: Jedes Treffen beginnt mit einer gemeinsamen Aufwärm-Aktion und endet mit einer Körper-Übung. Dazwischen moderieren Trainer*innen Gruppendiskussionen, vermitteln Wissen durch erinfache Erklärungen, leiten Einzelübungen an - und setzen den Fokus stets auf die ‘Schatz-Suche’.
Grundlage ihrer Arbeit mit der Gruppe ist das offizielle Mind-Spring-Handbuch. Auf über 160 Seiten finden Trainer*Innen den Ablauf aller Workshops mit Piktogrammen zur schnellen Orientierung, dazu Hinweise und Hintergründe - und natürlich genug Platz für eigene Übersetzungen in die Kurssprache(n). Die Grundlagen von Mind-Spring werden in einem gesonderten Teil erklärt: von Empowerment über Methoden im Kurs bis Selbstfürsorge, prägnant und verständlich, eine Seite je Thema.
Alle Trainer*innen und Co-Trainer*innen werden auf Basis dieses Handbuchs ausgebildet. Es ist daher aktuell nur nach Abschluss einer Schulung über die Landkreis-Koordination verfügbar.
Als Ergänzung in Arbeit ist ein Kursheft für Teilnehmende: mit Illustrationen aus den Workshops, Vorlagen für Einzel-Übungen und Platz für persönliche Notizen.
von und für Geflüchtete und Migrant*innen
Trainer*innen und Teilnehmende sind selber nach Deutschland gekommen - manche schon länger, manche ganz neu.
In einer Mind-Spring-Gruppe können sie sich in ihrer Sprache über Erfahrungen aus der ersten Heimat und in Deutschland unterhalten.
Die Co-Trainer*innen begleiten die Gruppe dabei.
Sie helfen bei der Vorbereitung und kennen weitere Anlaufstellen.Mind-Spring-Handbuch, S. 07
Empowerment und Partizipation
Mind-Spring-Kurse sind offen für alle Erwachsenen mit Migrationserfahrung - unabhängig davon, wie lange sie schon in Deutschland sind. Für Kinder und Jugendliche startet aktuell mit Mind-Spring Junior ein Pilotprojekt im Landkreis Böblingen.
Die Perspektive der Zielgruppen ist zentral für das Projekt: Flyer und Website sind mehrsprachig gestaltet. Oft geben Trainer*innen Info-Veranstaltungen direkt in der potentiellen Kurssprache. Auch die Kurse finden nah an den Lebenswelten statt: in Familienzentren und Sprachschulen, in Unterkünften und Vereinsräumen.
Viele Trainer*innen bringen aus ihrer ersten Heimat Berufserfahrung mit: im medizinischen, pädagogischen oder therapeutischen Bereich. Andere sind bereits ehrenamtlich engagiert. Als Kursleitung können sie diese Kompetenzen direkt einsetzen und dabei das kommunikative Repertoire ihrer Erstsprache(n) sofort nutzen. Dabei stärkt sie die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Co-Trainer*innen und das ressourcen-orientierte Feedback in den Nachgesprächen.
Dass Co-Trainer*innen die Kurssprache nicht beherrschen müssen, ist Teil des Konzepts. Als psycho-soziale Fachkräfte begleiten und befähigen sie die Trainer*innen bei der Kursleitung: Co-Trainer*innen helfen bei der Kursvorbereitung; achten im Workshop-Verlauf auf Gruppenstimmung und Wohlbefinden aller Beteiligten; sind Ansprechpersonen für Fragen zum Hilfesystem und stärken Trainer*innen bei der Reflektion im Nachgespräch. Diese Teamarbeit wirkt als demonstrativer Brückenschlag zwischen peerness und otherness (Perplies et al. 2019) auch auf die Teilnehmenden.
Als junges und partizipatives Programm sind die Erfahrungen aller Anwender*innen für die Weiterentwicklung wichtig. Wir nutzen das Feedback aus Schulungen, Kursbetrieb und den regelmäßigen Netzwerktreffen einer ‘community of practice', um gemeinsam an Mind-Spring weiter zu bauen.